Gender-gerechtigkeit: Schluss mit Stereotypen Interview mit Genderforscherin Dr. Aline Zucco

08. März 2021 - "Frauen sind schlecht in Mathe, Männer können kein Multitasking und Corona wirft uns sowieso alle in alte Rollenmuster zurück" - Vorurteile sind in unserer Gesellschaft weit verbreitet. Vor allem geschlechterspezifische Stereotype halten sich hartnäckig, oft über Jahrzehnte hinweg. Anlässlich des Internationalen Weltfrauentages haben wir deshalb mit Dr. Aline Zucco über den Wahrheitsgehalt von Vorurteilen gesprochen und wie ihnen Arbeitgeber und Gesellschaft entgegenwirken können. Zucco ist Geschlechterforscherin am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung.

Frau Dr. Aline Zucco, Sie haben eine Studie zur Rollenverteilung während der Corona-Krise durchgeführt. Stimmt es denn, dass die Pandemie uns in alte Rollenmuster zurückwirft?

Was wir nach den ersten Befragungswellen beobachten können, ist, dass Frauen nach wie vor einen überwiegenden Teil der Sorgearbeit übernehmen. Einen Rückfall in alte Rollenmuster konnten wir nur zum Teil bestätigen. Denn auch schon vor der Krise waren wir in Deutschland sehr traditionell unterwegs. Wenn Kitas oder Schulen geschlossen haben, wird schnell deutlich, wer für die Kinderbetreuung zuständig ist. Demnach würde ich es nicht als Rückfall, sondern vielmehr als eine Verfestigung bereits bestehender Strukturen beschreiben. Wir sollten aber auf jeden Fall aufpassen, welche Muster sich durch die zusätzliche Belastung für Frauen und Männer einschleichen und verhindern, dass es zu einer weiteren Zementierung der Rollenverteilung kommt.

Was ist aus wissenschaftlicher Perspektive dran an solchen geschlechterspezifischen Vorurteilen?

Für manche Vorurteile gibt es tatsächlich wissenschaftliche Daten, die sie belegen. Es gibt zum Beispiel wissenschaftliche Evidenz dafür, dass sich Männer überschätzen, während sich Frauen unterschätzen. Deshalb zahlen beispielsweise junge Männer auch einen höheren Preis für ihre Autoversicherung. Für viele Vorurteile gibt es aber schlicht keine Beweise, dennoch können sie eintreten. Das sind dann selbsterfüllende Prophezeiungen. Das sehen wir zum Beispiel bei der statistischen Diskriminierung. Hierbei geht ein Arbeitgeber davon aus, dass Frauen aufgrund einer potenziellen Schwangerschaft für längere Zeit ausfallen und aus diesem Grund werden sie von vorneherein bei Beförderungen benachteiligt. Daraus resultiert, dass die Entscheidung eines Paares, wer die Elternzeit in Anspruch nimmt, häufig auf die Frau fällt, da diese aufgrund der statistischen Diskriminierung nicht befördert wurde. Deshalb ist der Dialog über Geschlechtergerechtigkeit so wichtig, um Vorurteilen entgegenzuwirken und Frauen und Männern gleiche Chancen für ihre berufliche Zukunft zu gewährleisten.

Was meinen Sie, wie weit ist unsere Gesellschaft in Sachen Geschlechtergerechtigkeit?

Es gibt auf jeden Fall Indikatoren dafür, dass sich etwas bewegt. Der Ausbau der Kinderbetreuung schreitet voran, immer mehr Männer nehmen Elternzeit, der Anteil von Frauen in Führungspositionen nimmt zu und der Gender-Pay-Gap geht zurück. Insbesondere wenn man die Entwicklung der Frauenrechte über einen längeren Zeitraum betrachtet, zeigen sich deutliche Fortschritte. Allerdings zeigen Vergleiche mit anderen Ländern wie zum Beispiel Schweden, dass hier noch viel Raum für Verbesserung ist. Wenn beispielsweise ein Mann in Schweden weniger als sechs Monate Elternzeit nimmt, genießt er in der Gesellschaft und auch beim Arbeitgeber ein schlechteres Ansehen. Gleiches gilt für Eltern, die länger als 16 Uhr arbeiten und daher ihre Kinder nicht oder erst spät von der Kita abholen. Bis dahin ist es in Deutschland noch ein weiter Weg.

Geschlechtergerechtigkeit bedeutet nicht nur, dass Frauen voll im Arbeitsmarkt integriert werden, sondern auch, dass Männer an der Sorgearbeit teilhaben dürfen. Diese Strukturen müssen wir aufbrechen.

Dr. Aline Zucco Genderforscherin

Was können Arbeitgeber wie die Daimler Mobility AG, aber auch die Gesellschaft gegen dieses Ungleichgewicht tun?

In meinen Augen sehr viel. Ein wichtiger Schritt ist sicherlich, gegen Vorurteile und Stereotype anzukämpfen. Vor allem das Bild, dass Frauen Stellen nur bekommen, weil sie Frauen sind, Männer hingegen aufgrund ihrer Kompetenzen, müssen wir aus unseren Köpfen verbannen. Gleichberechtigung bedeutet aber auch, dass es Männern ermöglicht wird, längere Erwerbsunterbrechungen einzulegen, zum Beispiel mithilfe des Elterngeldes. Vor allem Arbeitgeber sollten ihre Arbeitsmodelle flexibler gestalten. Denn das Ungleichgewicht beginnt häufig erst dann, wenn Paare Eltern werden. Aus Gender- aber auch Unternehmensperspektive wäre daher eine 30-Stunden-Woche für beide Partner anstelle einer 20-Stunden-Woche für nur einen Partner wünschenswert. Zum einen wirkt sich dieses Modell nicht so stark auf die Arbeitsproduktivität aus und zum anderen geht das große Potenzial der genauso gut ausgebildeten Frauen nicht verloren. Denn häufig arbeiten Frauen nach der Elternzeit in deutlich geringer qualifizierten Positionen. Das ist schade, wenn man bedenkt, wie viel Zeit und Geld Arbeitgeber in die Weiterentwicklung von Beschäftigten investieren.

Halten Sie eine Frauenquote für sinnvoll?

Definitiv! Anders werden wir diesen sogenannten „Thomas-Kreislauf“ nicht aufbrechen. Demnach wählen Vorgesetzte vor allem Bewerber aus, die ihnen selbst ähnlich sind. Das hat dazu geführt, dass es in deutschen Aufsichtsräten besonders viele Männer mit dem Vornamen Thomas, Michael oder Stefan gibt. Allein aus diesem Grund erachte ich eine Frauenquote für sinnvoll.

Was halten Sie demnach von dem Vorurteil, dass Frauen aufgrund einer Quote bei der Stellenbesetzung bevorzugt werden?

Das ist tatsächlich nur ein Vorurteil. Eine Quote führt vielmehr zu einem gesunden Konkurrenzkampf, wodurch die Qualität aller Bewerber und Bewerberinnen steigt. Daher finde ich auch den Begriff „Quotenfrau“ irreführend. Er suggeriert, dass eine Frau aufgrund ihres Geschlechts befördert wird. Dabei müssen Frauen mindestens genau die gleichen Qualifikationen erfüllen wie ihre männlichen Konkurrenten. Es gibt Studien, die belegen sogar, dass durch eine Frauenquote auch die Qualität der Bewerbungen von Männern steigt. Das bedeutet, ein Mann wird nicht mehr aufgrund anderer unbeobachteter Qualitäten befördert, sondern aufgrund seiner Erfahrungen und Qualifikationen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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