Dr. Harry Behrens im Interview "Blockchain ist eine radikale Umwälzung"

02. Oktober 2019 - Dr. Harry Behrens ist Leiter der Blockchain Factory bei Daimler Mobility. Bereits seit 2012 beschäftigt sich Behrens intensiv mit Blockchain und rief bereits den ersten Blockchain-Schwarm der Daimler Mobility ins Leben. Im Gespräch erklärt Behrens die Chancen und Anwendungsmöglichkeiten von Blockchain und woran seine Blockchain Factory aktuell arbeitet.

Was ist die Idee hinter der Blockchain Factory?

Ich setze mich bereits seit 2012 verstärkt mit Blockchain-Technologien auseinander und durfte mit der Unterstützung unseres CIO Udo Neumann dieses Thema in unser Unternehmen tragen. Spätestens als wir 2016 den Blockchain-Schwarm bei der damaligen Daimler Financial Services AG gegründet haben, wurde immer deutlicher, dass es in unserem Unternehmen viele Themenbereiche gibt, die sich sehr gut für Blockchain-Technologien eignen. Grundlage dafür sind unsere Connected-Car-Technologien und unser komplexes wirtschaftliches Ökosystem, das wir mit unseren Lösungen und Produkten bedienen. Hier soll die Blockchain Factory komplett neue Prozesse anschieben oder im besten Fall völlig neue Geschäftsfelder erschließen. Wir sprechen von Bezahlsystemen, Verifizierung, Datensicherheit sowie in der Zukunft auch Tokenisierung, also Finanzierung auf Basis von Blockchain-Technologien.

Wie geht Ihr Team bei der Arbeit vor?

Der erste Schritt ist, dass wir erstmal innerhalb des Konzerns Fälle identifizieren, bei denen Blockchain-Technologie einen sinnvollen Mehrwert stiften kann. Dazu muss man wissen, dass Blockchain nicht die Weiterentwicklung von einer bestehenden Technologie ist. Blockchain ist vielmehr eine radikale Umwälzung bestehender Konzepte. Eine Herangehensweise, die es bisher so noch nicht gab. Deshalb kann man Blockchain auch nicht einsetzen, um einen simplen Prozess zu optimieren. Blockchain ist fast ausschließlich etwas, das man auf der grünen Wiese angehen muss. Es eignet sich vor allem für neue Geschäftsmodelle oder für existente Geschäftsmodelle, für die es aktuell keine geeignete Software gibt; die also noch über einen riesigen Apparat gesteuert werden müssen.

Sie suchen also viel mehr nach völlig neuen Möglichkeiten, Business zu machen, als nach einem bestehenden Prozess, der einfach verbessert werden könnte?

Richtig! Die erste Entscheidung, die man in solchen Situationen abwägen muss ist: Macht es überhaupt Sinn, für einen bestimmten Prozess Blockchain einzusetzen? Denn in vielen Fällen ist Blockchain schlicht nicht produktiv. Es lohnt sich beispielsweise nicht, eine Technologie, die auf Dezentralisierung und Verteilung beruht, in einem Unternehmen gebündelt anzuwenden, wenn ohnehin alle auf das gleiche Kassensystem zugreifen und automatisch keine Vertrauensdefizite herrschen.

Dr. Harry Behrens, Head of Blockchain Factory

  • Studium der Informatik an der TU München mit Schwerpunk "Künstliche Intelligenz"
  • Promotion an der Universität Tokio mit einer Arbeit über "Distributed A.I."
  • Setzt sich seit 2012 intensiv mit Blockchain-Technologie auseinander
  • Seit 2015 bei Daimler Financial Services bzw. Daimler Mobility, zuletzt als Leiter der IT für Mobility & Digital Finance in China
  • Mitbegründer des Blockchain-Schwarms von Daimler Financial Services im Jahr 2016
  • Seit September 2018 Mitbegründer und Leiter der Blockchain Factory

Seit 2018 leitet Dr. Harry Behrens die Blockchain Factory bei Daimler Mobility.

Blockchain ist bereits seit mehreren Jahren als Schlagwort in der Tech-Branche präsent. Doch was ist Blockchain-Technologie eigentlich?

Das lässt sich am besten in Form eines kleinen Gedankenspiels erklären. Stellen Sie sich vor, Sie leihen einem Kollegen in der Kantine 5 Euro und bekommen die Auskunft, dass Sie das Geld morgen wieder zurückbekommen. Am nächsten Tag kommt Ihr Kollege wieder auf Sie zu und drückt Ihnen zwei Euro in die Hand. Sie haken natürlich nochmal nach und erklären, dass drei Euro fehlen, was ihr Kollege ablehnt, da er sich absolut sicher ist, dass sie ihm gestern nur zwei Euro geliehen haben. Hier kommt Blockchain ins Spiel. Blockchain sorgt dafür, dass eben jenes Leihgeschäft nicht nur zwischen Ihnen und Ihrem Kollegen stattfindet, sondern mehrere Parteien als Zeugen anwesend sind, die somit auch als Schiedsrichter agieren und in einer Art Abstimmung bestätigen können, dass Sie ihrem Kollegen gestern 5 Euro geliehen haben. Das heißt, es muss Konsens darüber hergestellt werden, dass das Geschäft zwischen Ihnen und Ihrem Kollegen rechtens abgelaufen ist.

Wie funktioniert das konkret?

Diesen Vorgang erledigt Blockchain elektronisch mittels eines Peer-to-Peer Systems: In einem solchen Netzwerk interagieren verschiedene gleichberechtigte Teilnehmer mit Hilfe einer identischen Software miteinander und können voneinander Dienste in Anspruch nehmen oder auch zur Verfügung stellen. Die technische Herausforderung bei meinem Beispiel liegt nun darin, eben jenen Konsens unter allen Teilnehmern herzustellen und diesen Konsens so sicher herzustellen, dass sich am Ende alle Beteiligten einig sind, dass 5 Euro im Umlauf waren, in Rechnung gestellt und verbucht werden können.

Haben Sie hierfür auch einen konkreten Anwendungsfall?

Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Flottenbetreiber und Sie haben es zusätzlich mit vier weiteren Wettbewerbern zu tun. Jeder hat seine eignen Kunden, seinen eigenen Datenpool; voll ausgelastet ist jedoch keiner von ihnen. Nun möchte ein Kunde, der seine Daten bei Ihnen bereits hinterlegt und somit verifiziert hat, ein Fahrzeug mieten, das Sie ihm aber nicht anbieten können. Jedoch gibt es einen Wettbewerber, der mit Ihnen kooperiert, der über ein solches Fahrzeug verfügt.

Und dann kommt die Mobility-Blockchain-Plattform ins Spiel, an der Ihr Team arbeitet?

Genau! Mittels Blockchain sind Sie nun in der Lage, dem Wettbewerber eindeutig zu belegen und damit allen Unternehmen, die an die gemeinsame Blockchain-Plattform angeschlossen sind, dass dieser Kunde über alle nötigen Voraussetzungen verfügt, um dieses Fahrzeug anzumieten und zu bewegen. Zeitgleich wird auf dieser gemeinsamen Plattform klar protokolliert, welcher Service und welche Buchung von den beteiligten Unternehmen durchzuführen sind. Somit wickeln Sie das Geschäft zunächst ab - jedoch profitiert auch der Wettbewerber, der den Service – in diesem Fall das Auto – liefert und von Ihnen im Anschluss bezahlt wird. Das alles funktioniert voll automatisch. Letztlich sind alle beteiligten Unternehmen in der Lage, neue Einkommensquellen zu erschließen, ohne die Akquisition- oder On-Boarding-Kosten tragen zu müssen. Der Kunde wiederum freut sich, dass er sein gewünschtes Fahrzeug erhält. Aber der Nutzen für den Kunden könnte in Zukunft noch weiter gehen.

Inwiefern?

Schauen wir in deutsche Großstädte. Eine Vielzahl an E-Roller-Anbietern versucht sich gerade auf dem Markt. Als Kunde verliert man schnell die Übersicht und muss sich bei jedem Anbieter extra anmelden, um den jeweiligen Service nutzen zu können. Wäre es nicht viel einfacher für den Kunden, wenn er sich nur bei einem der Anbieter registrieren müsste? Dadurch müsste er sich nur einmal identifizieren und belegen, dass er über einen gültigen Führerschein verfügt. Sobald der entsprechende "Smart Contract"* dies belegt und die digitale Identität des Kunden zugeordnet ist, kann er mit einem rechtsgültigen Ausweis sofort alle E-Roller eines angeschlossenen Anbieters nutzen. Über Blockchain ließe sich ein solcher Prozess aufbauen und sogar noch auf verschiedene Fahrzeug-Sharing-Modelle ausweiten. Das Ökosystem eines Anbieters von Shared Mobility würde sich automatisch erweitern, genauso wie die Mobilitätsmöglichkeiten des Kunden.

Blockchain bei Daimler

Blockchain ist für uns viel mehr als nur ein Schlagwort. Diese Technologie hat das Potenzial, die heutige Finanz- und auch Mobilitätsbranche zu verändern. Deshalb steht Blockchain schon heute im Mittelpunkt unserer Arbeit.

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Diese Anwendungsmöglichkeiten zahlen vor allem in unsere Mobility Services ein, existieren auch Ideen, wie man weitere Geschäftsbereiche von Daimler Mobility unterstützen könnte?

Die Stichwörter lauten: Pay-per-Use oder Dynamic Lease. Bei diesen Modellen zahlt der Kunde einen gewissen Sockelbetrag und zahlt nur so viel für das Leasing seines Fahrzeugs, wie er exakt an Kilometern im Monat fährt. Bisher war es sehr mühselig eine solche Leasingoption manuell abzurechnen, weshalb sich ein solches Modell kaum gelohnt hat. Über ein Gerät im Auto, ein sogenanntes Hardware Wallet, können solche Daten nun in Echtzeit abgerufen werden. Auf Basis der kryptographischen Sicherheit, die mit digitalen Identitäten in Verbindung mit Blockchain einhergeht, können diese Daten nicht nur in Echtzeit zur Abrechnung verwendet werden, sondern sind auch nicht verfälschbar oder anfechtbar. Jedoch braucht es hierfür auch ein geeignetes Abrechnungswerkzeug, das eben wieder jenen vertrauensvollen Konsens zwischen allen Parteien herstellt. Auch in diesem Fall eignet sich Blockchain-Technologie, um die entsprechenden Daten zu liefern. Diese Usage-Modelle lassen sich auch auf weitere Anwendungen wie zum Beispiel Versicherungen ausweiten.

Das heißt, dass Daimler Mobility im Grunde ein weiteres Geschäftsmodell erschließen könnte?

Ja, es handelt sich hierbei um ein Plattformgeschäft. Diese Geschäftsmodelle basieren zum einen auf Netzwerkeffekten, die dafür sorgen, dass ein gesamter Markt bedient werden kann. Außerdem kommen zwei weitere Faktoren hinzu: Es werden Transaktionskosten reduziert und Sie profitieren, sofern sie als Unternehmen Teilhaber einer Plattform sind, automatisch von einem möglichen Wertzuwachs, den die Plattform ganz einfach dadurch erzielt, dass sie wächst.

Es bedarf aber nicht nur weitere Big Player, um eine Plattform auf die Beine zu stellen. Sie arbeiten auch mit gleich mehreren Startups zusammen?

Richtig, wir arbeiten gemeinsam mit den Startups an Lösungen und nutzen die unterschiedlichen Fähigkeiten, um unsere Ideen umzusetzen. Unser langfristiges Modell sieht vor, sowohl mit Startups als auch mit anderen Großunternehmen zusammenzuarbeiten und eine gemeinsame Plattform zu betreiben. Nur über eine gleichwertige Beteiligung an einer solchen Plattform lässt sich ein benötigter Skaleneffekt herbeiführen, der ein solches Modell profitabel macht. Zudem ist es wichtig, dass man die Plattform in Kollaboration betreibt - also unter gemeinsamer Steuerung aller Anbieter, die über eine solche Plattform ihre Dienste anbieten. Dies ist ein bewusstes Gegenmodell zu bisherigen quasi-monopolistischen Plattformen, in denen ein einzelnes Unternehmen nahezu von der gesamten Wertschöpfung profitiert.

Startup Scouting bei Daimler Mobility

Mit welchen Startups arbeiten sie aktuell zusammen?

Am Aufbau der Mobility-Blockchain-Plattform waren bisher vier Startups beteiligt. Zuerst 51nodes, ein Dienstleister für Blockchain-Programmierung und Architektur. Als zweites wäre da BlockchainHELIX, die sich mit Know-Your-Customer-Technologie auf Blockchain-Basis beschäftigen. evan.network stellt das gesamte System zur Verfügung und übernehmen vor allem das Thema Datenschutz sowie die regulatorischen Anforderungen. Zuletzt wäre da noch RIDDLE&CODE, die uns die Möglichkeit geben, über eine Hardware Wallet, Fahrzeugdaten sicher und automatisch abzurufen.

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